Wie die Arbeiterklasse sich zum erfolgreichen Kampf organisieren muss, ist schon seit der Entstehung des wissenschaftlichen Sozialismus eine viel umstrittene Frage, was zu diversen, teils abstrusen, Theorien über eine Struktur einer Arbeiterorganisation resultierte. Wie wissen wir also, welche die beste dieser Theorien ist – suchen wir uns willkürlich eine aus, die uns am besten gefällt? Natürlich nicht. Wir werden also versuchen uns anhand des dialektischen Materialismus ein Organisationsprinzip herzuleiten, welches unserer wissenschaftlichen Weltanschauung entspricht. Zwecks Anschaulichkeit werden wir in unserer Analyse die Dialektik und den Materialismus chronologisch getrennt betrachten, natürlich stehen die folgenden Punkte aber in einem untrennbaren Zusammenhang zu jedem der anderen Aspekte.

Lasst uns also mit den dialektischen Grundsätzen anfangen. Die drei allgemeinen Entwicklungsgesetze, die die Dialektik der Welt zu Grunde legt, sind erstens der qualitative Umschwung durch quantitativen Wandel, zweitens die Negation der Negation und drittens die Einheit im Kampf der Gegensätze.

Fangen wir dabei bei der letzten Gesetzmäßigkeit an. Marx und Engels beschreiben die einem Sachverhalt sowie Gegenstand intrinsischen Widerspruch als den Motor jeder Entwicklung. Dabei bilden die Gegensätze dieser Widersprüche aber eine untrennbare Einheit. Lasst uns das an einem anschaulichen Beispiel zeigen: Die Arbeiterklasse und die Kapitalistenklasse stehen in einem antagonistischen – also unvereinbarem – Widerspruch zueinander, da die Kapitalistenklasse ihre Interessen nur unter Verletzung der Interessen der Arbeiterklasse umsetzen kann – umgekehrt gilt dasselbe. Aber so diametral sich die Klassen auch gegenüberstehen, sind sie gleichzeitig untrennbar voneinander. Immerhin kann es keine Klasse geben, die ihre Arbeitskraft verkauft, wenn es keine Klasse gibt, die diese Arbeitskraft kauft, um ihr Mehrwert abzuschöpfen – andersrum kann es keine Klasse geben, die Arbeitskraft kauft, wenn keine Klasse ihre Arbeitskraft auf dem Markt anbietet. Bourgeoisie und Proletariat sind also ohne jeden Zweifel unvereinbar miteinander, aber können nur gemeinsam existieren – ohne Proletariat keine Kapitalisten, ohne Kapitalisten kein Proletariat. Schön. Was leitet sich aus dieser Gesetzmäßigkeit jetzt aber für unser Organisationsprinzip ab? Nun, so anschaulich das Beispiel der Klassengegensätze auch war, ist es leider eher die Ausnahme als die Regel, dass ein Widerspruch so offen präsentiert daliegt. In den allermeisten Fällen ist die Erscheinungsebene eines Widerspruchs, also wie der Widerspruch an die Oberfläche tritt, anders als das eigentliche Wesen, also wie der Widerspruch im Kern objektiv ist. Marx stellt richtig fest, dass jede andere Annahme die Wissenschaft völlig überflüssig mache, könnten wir einen Sachverhalt einmal anschauen und hätten jede Kenntnis über ihn, bräuchten wir keine Untersuchungen.

Bevor wir unsere Erkenntnis auf unser Organisationsprinzip anwenden, beschäftigen wir uns mit der Negation der Negation, dem zweiten dialektischen Entwicklungsgesetzt. Dieses postuliert zwei Dinge: Erstens besagt es, dass eine Negation im dialektischen Sinne keine logische, sondern eine positive Negation ist. Das heißt Entwicklung findet immer in die positive Richtung statt. Ein Samen verschwindet nicht einfach – wie es das Wort Negation im logischen Sinne vermuten lassen könnte, sondern er wird zur Blume – er wird positiv negiert. Zweitens sagt das Entwicklungsgesetzt aus, dass ein negierter Zustand immer wieder negiert wird. Der Samen wird zur Blume, die aber wieder zu einem Samen wird, der aber auf einer anderen Eben ist als der anfängliche Samen. Ergebnis daraus ist, dass sich alles in einer ständigen Bewegung befindet. Tatsächlicher Stillstand ist unmöglich. Auch dieser Erkenntnis behalten wir im Kopf.

Zuletzt zum philosophischen Materialismus. Im Kern stellt Materialismus nichts anderes fest, als dass etwas existiert hat, bevor der Mensch es wahrgenommen hat – abstrahiert, das Sein, also die Natur, kam vor dem Bewusstsein, also dem menschlichen Wahrnehmen. Folgelogisch bedeutet das, dass das Sein unabhängig vom Bewusstsein existiert, das also das Bewusstsein das Sein nur widerspiegelt, aber nicht determiniert. Schön. Viel wichtiger als diese Erkenntnis ist aber, dass daraus folgt, dass es nur ein Sein geben kann. Das menschliche Bewusstsein wäre das Einzige, was verschiedene Realitäten hervorrufen könnte – wenn wir beispielsweise alle in unserer gedankenkonstruierten Wahrheit leben würden. Aber da das nicht der Fall ist, da die Wahrheit vor unserem Bewusstsein kommt, kann es nur eine Wahrheit geben – und eben exakt eine Wahrheit.

Wie ist diese Wahrheit aufgebaut? Nun, die Antwort haben wir eigentlich schon im dritten und vierten Absatz dieses Artikels gefunden: Die Wahrheit setzt sich zusammen aus Widersprüchen. Alles steht in einer Beziehung und allem. Das führt dazu, dass wir die praktisch unendlichen Zusammenhänge niemals alle gleichzeitig erkennen können werden. Das Erkennen dieser absoluten Wahrheit, also jeder objektive Facette eines Sachverhalts muss aber stets Ziel bleiben, wenn wir wissenschaftliche Arbeit durchführen. Wir müssen uns der absoluten Wahrheit also stückweise annähern. Diese relative Wahrheit, also unser Versuch uns der abosluten Wahrheit möglichst nah anzunähern, ist aber natürlich begrenzt, so zum Beispiel durch gesellschaftlich-technologischen Fortschritt.

Um final zum Organisationsprinzip zurückzukommen fassen wir die Erkenntnis bis hierhin zusammen:

  1. Die Erscheinungsebene unterscheidet sich von dem tatsächlichen Wesen eines Gegenstandes oder Sachverhalts.
  2. Alles befindet sich in stetiger Weiterentwicklung – Stillstand existiert in dem Sinne nicht.
  3. Es gibt eine, und zwar exakt eine Wahrheit.
  4. Wir müssen einen Versuch aufstellen, unsere relative Wahrheit möglichst großflächig zu erweitern, um uns der absoluten Wahrheit weiter zu nähern.

Ein Organisationsprinzip muss – um philosophisch wahr zu sein – also alle diese Erkenntnisse befriedigen.

Stellen wir uns folgendes vor. Zwei Personen tauchen ihre Hand in ein Glas Wasser – beide werden die Temperatur vermutlich unterschiedlich wahrnehmen. Der einen Person kommt das Wasser kälter, der anderen wärmer vor. Das Wasser erscheint also, als hätte es eine zwei verschiedene Temperaturen – dass das nicht der Fall ist, müssen wir hier nicht erläutern. Wie also können wir die tatsächliche Temperatur des Wassers – das Wesen – herausfinden? Vereinfacht gesagt können wir einfach ein Thermometer in das Glas halten. Auf die Klassengesellschaft bezogen ist es eine ähnliche Situation. Zwei verschiedene Arbeiter*innen können die Klassengesellschaft völlig verschieden wahrnehmen. Aber wie das Wasser hat auch die Klassengesellschaft nicht zwei verschiedene Zustände, sondern exakt ein objektives Wesen. Im Gegensatz zu unserem Wasserbeispiel können wir nur leider kein Thermometer in die Klassengesellschaft tauchen und wissen, wie wir sie stürzen. Unser Organisationsprinzip muss also als Grundlage der Erkenntnis die kollektive Diskussion haben. Alle müssen ihre Erfahrungen einbringen, die dann in einem Beschluss kollektiviert wird. Nur so können wir dem Fakt, dass es trotz verschiedener Erscheinungen nur ein Wesen gibt, gerecht werden. Gleichzeitig beantwortet das auch die Frage, wie mit der Feststellung, es gebe nur eine Wahrheit, umzugehen ist. Eine Wahrheit zieht als Folge, dass es auch nur einen wahren Beschluss zu einem Thema geben darf. Auch wenn sich ein Beschluss natürlich als falsch herausstellen kann, ist er zu jedem Zeitpunkt wahrer als würden wir 15 verschiedene politische Aktionen gleichzeitig durchführen, die sich gegenseitig widersprechen – es gibt immerhin eine und nicht 15 Wahrheiten. Denn auch wenn sich ein Beschluss als falsch herausstellen kann – er wäre nur unanfechtbar richtig, hätten wir Zugang zur absoluten Wahrheit – ist er unser bester Versuch, der absoluten Wahrheit nahe zu kommen. Ein wichtiger Aspekt zum Schluss ist aber wie wir festgestellt haben, dass sich die Wahrheit stetig weiterentwickelt. Das zieht als Resultat, dass wir zu jedem Zeitpunkt unseren Beschluss und unsere Erfahrung auf den Prüfstand stellen müssen. Wir müssen kollektiveren, ob ein Beschluss tatsächlich noch die Wahrheit erfasst, wir müssen prüfen, ob ein neuer Beschluss zu fassen ist.

Schön. Es mag sicherlich einigen aufgefallen sein, denn auch der Titel lässt das Ergebnis der Analyse anmuten. All diese Beschrieben Notwendigkeiten werden von einem uns schon lange bekannten Organisationsprinzip erfüllt: Dem demokratischen Zentralismus. Lenin hat vor über 100 Jahren also nicht einfach ein lustig klingendes Prinzip entworfen, sondern er entwarf das objektiv wahre Organisationsprinzip der Arbeiterklasse. Kein anderes Prinzip, keine Basisdemokratie und keine Räte erfüllen diese Anforderungen. Marxisten-Leninisten organisieren sich also nicht demokratisch-zentralistisch, weil es so viel Spaß macht, sondern weil es die philosophische Schlussfolgerung aus dialektischem Materialismus ist. Wir brauchen nicht zu erwähnen, dass sich der demokratische Zentralismus auch in der Praxis bewährt, dass diese Theorie also auch praktisch bestätigt wird. Aus dieser philosophischen Wahrheit leiten sich auch Anforderungen an uns selbst als Kommunistinnen und Kommunisten ab:

Erstens müssen wir uns verpflichtet fühlen, uns in Diskussionen einbringen. Wie wir gezeigt haben, wird ein Beschluss mit jeder Person, die daran beteiligt ist, die ihre Erfahrungen schildert oder ihre Einschätzung teilt, wahrer.

Zweitens müssen wir die Rolle des demokratischen Zentralismus als wissenschaftliche Methode verstehen. Wir dürfen Beschlüsse und Diskussionen nicht als bürokratisches Hindernis unserer Arbeit sehen, sondern verstehen sie auf Grundlage unserer marxistischen Weltanschauung einzuordnen. Politisch in Aktion zu kommen, bedeutet nämlich nicht, willkürliche Taten umzusetzen, die sich gut anhören, sondern als revolutionäres Subjekt unsere historisch wahre Aufgabe umzusetzen.

Drittens fordert uns dieser Zusammenhang auf, kritisch zu hinterfragen, ob unsere Disziplin gegenüber gefassten Beschlüssen tatsächlich ausreichend ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir Beschlüssen einfach blind folgen sollen, sondern dass wir verstehen müssen, dass unsere Beschlüsse der beste Griff nach der absoluten Wahrheit sind. Natürlich können sich Beschlüsse als falsch herausstellen, aber einen besseren Versuch als unsere Beschlüsse, die Wahrheit wissenschaftlich zu begreifen, haben wir nicht.

Packen wir’s also an, organisieren wir gemeinsam die Arbeiterklasse – und zwar demokratisch-zentralistisch!